Es gibt nicht viele solcher Abende, solcher Nächte im Leben eines Menschen: Ungarn hat sich über Nacht von einem Land des Misstrauens und des Hasses in ein Land der Hoffnung verwandelt.
Gastbeitrag von Gábor Schein
Während des Tags war es noch nicht so heiter. Die Sonne tauchte die Hauswände in wunderschönes Frühlingslicht, doch niemand wagte es wirklich, an den Frühling zu glauben. Familien und Paare unterhielten sich leise und behutsam, wobei sie sich zueinander drehten, damit niemand mitbekam, worüber sie sprachen. Wer die Stadt kennt, bemerkte dennoch, dass etwas im Gange war, ja vielleicht sogar schon geschehen war.

Budapest ist eine ironische Stadt, die Schwester Wiens. Die geistige Unabhängigkeit, deren zahlreiche Helden ich kennenlernen durfte, verband sich hier mit Humor, Ironie und unerschütterlichen Reflexionen. Hier passte es nie, streng oder heilig zu sein; in den verschiedenen Subkulturen der Außenseiter herrschte mörderische Ironie. Die Fidesz-Partei von Viktor Orbán brachte etwas anderes mit, eine fremde Mentalität, für die es weder in Budapest noch auf dem Land Vorläufer gab. Der als christlich und nationalistisch getarnte Zynismus, die Arroganz, die maßlose und schlichte Gewalttätigkeit feudaler Verachtung und neofaschistischer Machtübung herrschten 16 Jahre lang.
Orbán und seine Leute haben uns unsere Sprache geraubt, in der wir miteinander hätten sprechen können
Viele sind ihre eigenen kleinen oder größeren Kompromisse eingegangen, die anfangs vielleicht pragmatisch erschienen, sich aber letztlich als verhängnisvoll erwiesen. Ungarn wurde zu einem Versuchslabor für illiberale Machtausübung, das zunächst nur in der mitteleuropäischen Region, später aber auch in Westeuropa und den Vereinigten Staaten Nachahmer fand. Als einige von uns zum ersten Mal darüber sprachen, wollte uns niemand glauben. Das ist übertrieben, ihr seht Gespenster. Dann war es schon zu spät.

Erdrutschsieg der Opposition in Ungarn:„Machen wir eine große ungarische Party“
Nach 16 Jahren muss Orbán seine Macht abgeben. Die Tisza-Partei von Wahlsieger Magyar kann wohl mit einer Zweidrittelmehrheit rechnen – genug, um den Abbau der Rechtsstaatlichkeit rückgängig zu machen.
Die Ungarn wussten schon immer genau, was aus Russland kommt. Von dort kommen byzantinische Lügen, Kolonialherrschaft und der Tod, doch Orbán hat es geschafft, dass sie das vergessen haben. Lange Zeit, viel zu lange, lebte das Land in tiefer Apathie, und nicht selten wurden es von seinen Besten verraten. Orbán und seine Leute haben die Niedertracht zur Moral gemacht, die Lüge zur Wahrheit, das Unwahre zur Realität. Der Spott und die Verachtung in ihren Blicken sowie die scheinbar unüberwindliche Verhärtung in ihren Worten stellten selbst die stärksten Seelen auf eine harte Probe. Du bist schwach, sagten sie, niemand steht dir bei, es gibt keine Hoffnung. Als Trump zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten wurde, als er und Putin zu zweit begannen, die Welt zu bestimmen, schien wirklich alle Hoffnung verloren.
Orbán und seine Leute haben die Verfassung geändert, darin festgelegt, wer was wert ist, sie haben die Gerichte, die Presse und den Großteil der ungarischen Wirtschaft unter ihre Kontrolle gebracht, den Geheimdienst für Parteizwecke missbraucht, und sie haben versucht, jeden zum Schweigen zu bringen, der nicht ihre Meinung wiederholte. Sie benutzten die Namen von Brüssel und der EU als Schimpfwörter, während sie das Land in jeder Hinsicht Putin auslieferten. Im letzten Moment erfuhren wir auch, dass Orbán und sein Außenminister, die falschen Ritter der Souveränität, mit Putin und Lawrow sprachen wie ein Underdog mit dem Mafiaboss, und wir sahen Viktor Orbán auf der Seite des Vize-Präsidenten der USA.
Zwischen wahr und falsch kann auch die Dunkelheit den Unterschied nicht auslösche
Dass sich die Welt von Orbán dem Ende nähert, zeigte sich deutlich auch daran, dass diejenigen, die bis zum vorletzten Moment Nutznießer seines Regimes waren, plötzlich den Vorkämpfer des Widerstands in sich entdeckten. Am schmerzhaftesten ist der zerstörerische Zynismus dieser Menschen, mit dem sie gerade die Unterschiede auslöschen wollen. „Im Dunkeln ist jede Kuh schwarz“, lautet ein bekanntes ungarisches Sprichwort. Nein, zwischen wahr und falsch kann auch die Dunkelheit den Unterschied nicht auslöschen, und wir müssen diesen Unterschied hüten wie unseren Augapfel.

Debatte:Ungarn? Trinken und auf Handys starren
Viktor Orbán und seine Leute reden ständig von nationaler Kultur. Aber was das ist, außer Wurst und Paprika, weiß kaum noch jemand. Selbst wenn der Premier nicht noch eine Wahl gewinnt: Was zerstört ist, wird schwer wieder aufzubauen sein.
Wir wissen, dass das, was vor uns liegt, sehr schwer sein wird. Wir wissen, dass die eigentliche Arbeit noch vor uns liegt, wir wissen, dass viele alles tun werden, damit dies nicht gelingt. Wir wissen auch, dass diese 16 Jahre unauslöschliche Zerstörung in den Seelen und in den Beziehungen zwischen den Menschen angerichtet haben. Wir wissen, dass Orbán und seine Leute alles geraubt haben, was sich bewegen lässt, dass ein Großteil des Landes in unvorstellbarer Armut lebt, dass die Menschen schutzlos und ausgeliefert sind; wir wissen, dass es in weiten Teilen des Landes keine medizinische Versorgung gibt und dass den Kindern in den Schulen vielerorts schändlicher Unsinn eingetrichtert wird. Doch Ungarn hat sich über Nacht von einem Land des Misstrauens und des Hasses in ein Land der Hoffnung verwandelt.
Wer in dieser Nacht durch die Straßen von Budapest und anderen Städten des Landes ging und den Menschen in die Augen sah, hätte glauben können, Ungarn habe die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Nein, so etwas ist natürlich nicht passiert. Denn was passiert ist, ist viel mehr als das. Das Land hat seine Würde, sein Selbstwertgefühl und seine Zukunft zurückgewonnen. Die Hoffnungslosigkeit war bereits so groß, dass selbst die Mutigsten kaum noch daran glaubten. Dazu brauchte es einen Menschen, Péter Magyar, der anfangs sicherlich selbst nicht wusste, was seine Worte für viele bedeuten würden. Was bedeutet es, dass er seine Fehler nicht verschleiert, sondern zu ehrlicher Rede fähig ist?
Wenn bis gestern die Infektion des Illiberalismus von Ungarn ausging, so hoffe ich, dass dieses Land ab morgen für viele, die wieder den Boden der Realität und der Wahrheit unter ihren Füßen spüren möchten, zum Träger der Hoffnung wird. Klingt das naiv? Vielleicht ja. Aber selbst die raffinierten russischen Geheimdienste waren nicht stärker als diejenigen, die nun auf den Straßen feiern durften. Denn sie, sie hatten zunächst nichts. Nichts außer der Gewissheit, dass sie so nicht leben wollen. Das reichte für gestern. Jetzt müssen wir viel, sehr viel arbeiten, damit uns die Lüge nicht mehr ins Gesicht lachen kann.




































